Liebe Festivalmacher,                                                              

 

was für eine gehaltvolle Idee: „Das Festival des gescheiterten Films.“ Scheitern als positiven Prozess kreativ zu begreifen, finde ich wundervoll und schicke deshalb eine „Streitschrift“ im Sinne von Gotthold Ephraim Lessing und der deutschen Aufklärung.

 

Wer einen aufwändigen 35mm-Kinofilm in Dolby Stereo über eine kleine, unbekannte Independentband aus dem Ruhrgebiet produziert und inszeniert, die stellvertretend für Tausende von Independentbands in feuchten Proberäumen steht, kennt sich mit dem Scheitern an offiziellen Normen und Werten aus.

 

Eine Möglichkeit des Scheiterns ist das deutschte Fernsehen. Es wollte „Beam me up, Scotty!“ trotz hoher formaler und inhaltlicher Qualität, die von 3Sat schriftlich bescheinigt wurde, nicht ausstrahlen, weil es zu feige ist, sich als Stellvertreter „einer breiten Öffentlichkeit“ mit Wertvorstellungen außerhalb der bürgerlichen Rituale zu beschäftigen, die diese lustig, pointiert und sarkastisch in Frage stellen. Daran konnte auch Kameramann und Grimme-Preisträger Werner Kubny aus Nordrhein-Westfalen nichts ändern. Dabei wollten wir exemplarisch eine Independentband zeigen, die nicht wie damals üblich mit lautem Getöse und Krach auf die Bühne kommt, weil sie sich keinen Mixer leisten kann! Es ging darum, deutsche Independentmusik so im Kino in Dolby Stereo zu zeigen, wie sie klingen könnte, wenn Geld vorhanden ist.

 

Hier nun meine ausführliche Begründung für das „Scheitern“ der Produktion „Beam me up, Scotty!“:

 

Independentmusiker leben in ihrer eigenen Innenwelt und ihrem ureigenen Wertesystem, das der Film mit monochromen Farben ‚schön bunt’ auf der Kinoleinwand darstellt. Sie werden von bürgerlichen Werten und Idealen als "Außenseiter" oder "Randgruppen" abgestempelt, was zu unserer Demokratie nicht passt. Ausgrenzende Konzertverbote waren Ende der achtziger Jahre die Folge in einer kleinen Stadt wie Krefeld, das Zusammenschlagen auf Polizeirevieren gehörte ebenso dazu, wenn auf Fremdes befremdlich reagiert wird, sowie eine deutsche Filmförderung, die mitten in der Produktion mündlich zugesagte Postproduktionsför-derungsmöglichkeiten nach der Sichtung des Rohschnitts kategorisch strich und versuchte, den Film bereits in der Produktion abzuwürgen, damit der deutschen Independentmusik kein Denkmal gesetzt wird und andersartige Ideen und Wertvorstellungen nicht öffentlich im deutschen Kino diskutiert werden. Klingt undemokratisch und totalitär? Ist es auch! Als das nicht klappte, haben sich die Filmförderungen Berlin, Hamburg und die Filmstiftung NRW bemüht, den Film nicht in den deutschen Verleih gelangen zu lassen trotz einer Berliner Verleiherin, die sich erfolglos um eine Verleihförderung diesen drei Bundesländern bemühte und das zu einer Zeit, als nur 18 bis 23 Prozent aller deutschen Filmförderprojekte ins deutsche Kino kamen! Da gab es also (endlich!) einen kinogerechten deutschen Film und die Filmförderungen Hamburg, Berlin und NRW haben eine 726.282.74 D-Mark-Produktion hartnäckig torpediert, die ohne alle freiwilligen Leistungen, auch die der Stadt Krefeld, rund 750.000 Euro gekostet hätte!

 

So viel zur Toleranz der Filmförderung Hamburg GmbH, die das Drehbuch gefördert hatte, aber nicht die Produktion, und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, die zwei kleine Produktionsförderungen am Anfang gewährte, weil sich die Presse für diesen Film interessierte. Im Extremfall behindern diese Filmförderungen Kinofilme massiv, nutzen ihre Machtstellung aus und zerstören künstlerische Lebenswerke und Lebenswege. Dass diese Filmförderungen ihr eigenes Projekt und ihre investierten Mittel, öffentliche, mit der mangelnden Verleihförderung zugrundegerichtet haben, ist ein interessantestes Charakteristikum der Produktion „Beam me up, Scotty!“, die 1996 nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangen sollte. Dabei ist die Welt der Musiker die authentischere, ehrlichere, die Scheitern als Gewinn begreift, mit bürgerlichen Ritualen zu brechen.

 

Deshalb wurde der Film gleich zwei Mal zum Filmfestival Osnabrück eingeladen und war auch bei anderen Festivals zu sehen, zum Beispiel bei den „Internationalen Filmfesttagen Magdeburg“. Und die deutschen Programmkinos, mit Ausnahme der Münchner, haben „Scotty!“ ebenfalls gezeigt, ein Ziel, das zu dieser Zeit die Mehrheit aller Filmförderproduktionen nicht erreichte. Doch diese wurden im Postproduktions-stadium wohlwollend gefördert, damit das deutsche Fernsehen sie zeigen konnte!

 

Und was sagt Rainer Werner Fassbinder dazu? Er hat „Beam me up, Scotty!“ treffsicher beschrieben: „Jetzt machen also wieder junge Regisseure Filme in Deutschland, die versuchen, auf ihre Art auf die Wirklichkeit, die sie sehen, der sie begegnen, zu reagieren. Ich glaube, dass die (Straßen-) Bilder schon so gemacht sind, dass sie quasi wie Schwarzfilm funktionieren, dass man sich die Bilder, obwohl Bilder da sind, noch mal mit einer eigenen Phantasie und mit einer eigenen Emotion füllen kann. Wenn die Kamera sich sehr lange um etwas Totes herumbewegt, dann wird das Tote als tot erkennbar, und dann wird die Sehnsucht nach etwas Lebendigem entstehen, und man wird sich danach sehnen, mit dem bürgerlichen Ritual zu brechen. Ich habe auch mal versucht, einen Film zu machen, der die Künstlichkeit und eine Kunstform bis ins Äußerste treibt, um sie hinterher vollkommen in Frage stellen zu können. Ich bin sicher, dass es in der Filmgeschichte keinen einzigen Film gibt, der so viele Kamerabewegungen, Kamerafahrten und Gegenbewegungen der Schauspieler enthält wie dieser. Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus.“

 

Im Bereich des „gesellschaftlichen Scheiterns“ passt „Beam me up, Scotty!“ hervorragend zum „Festival des gescheiterten Films“, zumal das Scheitern von drei Filmförderungen aktiv und wissentlich in den Bereichen „Postproduktions- und Verleihförderung“ betrieben wurde. Man könnte sogar sagen: Das deutsche Fernsehen und die zuständigen Filmförderungen Hamburg und Nordrhein-Westfalen, die ihr eigenes Baby killten, haben diesem das Gütesiegel „Andersartigkeit? Das wollen wir nicht! Davor fürchten wir uns, das lassen wir scheitern!“ aufgedrückt. So viel zu Toleranz und Demokratie in unserem Filmförderland.

 

Ich habe die Ablehnung der Verleihförderung bei der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen mit der Androhung einer Strafanzeige beantwortet und auf die Ablehnung in Hamburg mit einem Verfahren wegen „Wettbewerbsverzerrung“ reagiert.

 

Daraufhin erhielt ich ein Anwaltsschreiben wegen „Kreditschädigung“ vom damaligen Leiter der Filmförderung Hamburg, Herrn Hürmer. Ja, ich habe mich bei diesen Filmförderungen mit „Scotty!“ unbeliebt gemacht.

 

Nachdem die für mich zuständige Hamburger Filmförderung meinen künstlerischen Lebensweg durch ihre Vetternwirtschaft („Wir fördern die, die wir mögen) und ihr undemokratisches Gebaren fast vernichtet hat, hatte ich zehn Jahre Zeit, die Ablehnungsschreiben aller meiner weiteren Projekte bei der Filmförderung Hamburg zu lesen und die amerikanische Sprache zwangsweise zu lernen, um mein nächstes Sciencefictiondrehbuch in Los Angeles verfilmen zu lassen.

 

Wie aus allem Negativen, ist also auch aus dieser Produktion über so genannte „Außenseiter“, die „Innenseiter“ heißen sollten, etwas Positives entstanden, ganz nach Goethes Faust: „Der Geist, der stets das Böse will und Gute schafft.“

 

Schöne Grüße aus Hamburg

 

Steve Lem

 

P.S.

 

Die Filmförderquerelen um „Beam me up, Scotty!“ und die Ablehnung aller meiner Anträge von Seiten der Filmförderung Hamburg GmbH zwischen 1992 und 2004 führten dazu, dass meine Hamburger Filmproduktionsfirma durch die ausbleibende Förderung in Hamburg zugrundegerichtet wurde und schwere gesundheitliche Schäden für mich entstanden. Ich bin jetzt schwerbehindert und habe einen Schwerbehindertenausweis, ein deutscher Filmemacher, der es wagte, der bürgerlichen Filmförderung mit seiner Independentproduktion über andere Ideen und Wertvorstellungen die Zähne zu zeigen.

 

Aber Scheitern ist kreativ und ich wage wieder zu scheitern, mit deutschen Jugendromanen und amerikanischen Drehbüchern, die in der Zeit entstanden sind, als ich als Künstler noch arbeiten konnte. Jetzt bin ich mein eigener Nachlassverwalter. Immerhin…